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lookyloostalk // Idylle und Idiotie

Hin und wieder, vielleicht sogar ein bisschen öfter, vermisse ich meine alte Heimat ganz schön schmerzlich. Nach monatelangem Alltag in anonymen Städten, wo niemand weiß, wie der eigene Nachbar heißt, wo man tagelang überleben kann, ohne ein bekanntes Gesicht zu treffen, weiß man das Leben im Heimatdorf dann doch wieder zu schätzen. Jeder kennt jeden, zumindest über 15 Ecken. Das ist schön, gleichzeitig aber auch genau das, was die vermeintliche Dorf-Idylle ganz still und heimlich und erschreckend häufig in den Vorort der Hölle zu verwandeln scheint.

Man weiß nämlich natürlich auch alles über jeden oder meint das auf jeden Fall. Privates ist hier schon lange nicht mehr privat, sondern vielmehr gemeinschaftlicher Besitz all jener, die sich mehr oder minder dafür interessieren. Mittelgroße persönliche Tragödien der anderen sorgen für mindestens soviel Euphorie, wie der Gedanke an Freibier auf alljährlichen Feuerwehr-, Schützen- oder Hoffesten. Vor der eigenen Haustüre kehren ist eben nicht annähernd so spannend, wie in den überfüllten Mülltonnen der Nachbarschaft nach dem übelst riechenden Abfall zu wühlen. Ob man letzten Endes fündig wird oder eben nicht ist zweitrangig, Spekulationen und Fakten sind ja quasi das Gleiche. Halbwahrheiten und Gerüchte werden so also ganz emsig gesät, von der Dorfgemeinschaft im Kollektiv fleißig gegossen und schließlich – blühend in den prächtigsten Farben – in die Welt hinaus getragen.

War Michael wirklich auf der Arbeit oder vielleicht bei einer seiner mindestens zwei Gespielinnen? Liegt Frau Müller von langer Krankheit gezeichnet im Krankenhaus oder war sie gestern noch auf der Kirmes? Ist der Nachbar von Frau Schmidt schwul oder bleibt es bei zwei, drei Bieren unter Kumpels? Und was ist eigentlich der Grund für das Ehe-Aus der Schneiders? Fünf Seitensprünge ihrerseits oder doch häusliche Gewalt?

Der nach Wahrheit und Gerechtigkeit hungernde Dorfbewohner lässt nichts unversucht, um zur Aufklärung all jener ungeklärter Sachverhalte beizutragen. Öffentliches Zur-Rede-stellen einzelner Beteiligter oder Diskussionen in großer Runde, um dem Geheimnis bei Kaffee und Törtchen auf die Schliche zu kommen. Was dabei das kleinere Übel ist, ist wohl reine Geschmackssache.

Ohne Frage, das nervt gewaltig und wirft jedenfalls für mich gelegentlich einen gewaltigen Schatten über meine endlose Heimatliebe. So wirklich anhaben kann es ihr – warum auch immer – aber dennoch nichts. Von Zeit zu Zeit ist es ja dann auch recht unterhaltsam, zu beobachten, wie Menschen jeden Alters ganz offensichtlich alles verlieren – Hemmungen, An- und vor allem Verstand. Letzten Endes hilft da nur Kopfschütteln und mindestens dreimal überlegen, was und wem man Glauben schenkt.

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2 Kommentare

  • Antwort
    Levon Helm
    11. März 2016 at 15:12

    Bitte mehr zu Gesellschaft!

    • Antwort
      Lena
      11. März 2016 at 17:03

      Sehr sehr gerne! Danke für deinen Kommentar! 🙂

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