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lookyloostalk // Große Freiheit vs. Zukunftsangst

Freudentaumel, diverse Feuerwerkskörper und mindestens zwei kurze Episoden, während derer ich im Club die Klamotten von mir werfe, um dem maximalen Freiheitsgefühl die Krone aufzusetzen. Kurzum: Ekstase am Rande der völligen Besinnungslosigkeit. So in etwa malte ich mir seit nunmehr einem Jahr – ja, tatsächlich hat es so lange gedauert, bis das unselige Kapitel Masterarbeit ein Ende fand – den Tag aus, an dem ich selbiges Schriftstück endlich endlich aus meinem Leben verbannen würde. Fortan würde mein Dasein vor Freiheit, Glück und Lebensfreude nur so triefen. Das „echte“ Leben, eines fernab von der bisweilen ganz schön drögen Uni-Blase, meterhohen Bücherstapeln und Word-Formatierungs-Struggle, würde endlich beginnen. Und ganz egal, was es für mich bereit halten würde, ich wäre bereit, die Zukunft mit offenen Armen und Handkuss zu empfangen. Aber sowas von. Die geilste Zeit ever würde das werden, ohne Zweifel, da war ich mir ganz sicher.

Und dann war er da, der große Tag, das Ding war weg. Aber ich wartete vergebens auf Tränen der Freude, ekstatische Tänze, auf das Hochgefühl, mit dem ich so fest gerechnet hatte. Da war schlicht und ergreifend nichts. Überhaupt gar nix. Normal vielleicht, dachte ich, das muss man ja auch erst mal sacken lassen, erst mal realisieren, was da jetzt eben endlich passiert war. Schluss mit dem Studieren, ein für alle Mal. Was nach gefühlten neunundneunzig Semestern irgendwie kaum noch im Bereich des Vorstellbaren lag, war dann doch noch Realität geworden. Eine grundsätzliche Irritation wird ja wohl kaum ungewöhnlich sein. Tatsächlich wich die gähnende Leere in meinem Kopf nach ein oder zwei Tagen. Allerdings nicht der erwarteten Glückseligkeit. Vielmehr war es Panik, die sich so langsam aber sicher breit machte und mich seither recht fest im Griff hat.

Unsicherheit und Zweifel ob der nur noch zwei Schritte entfernten Zukunft sind allgegenwärtig. Und die große Freiheit, auf die ich jahrelang hinfieberte, entpuppt sich als Wolf im Schafspelz. Als ein ganz hundsgemeiner noch dazu. Tägliche Picknicks im Park, Sonntage am See, Bücher lesen, die seit mindestens zwei Jahren unberührt auf meinem Nachttisch thronen, zu viel Eis und lange Nächte. So sollte mein Sommer aussehen, der beste Sommer aller Zeiten. Doch statt Entspannung und Quality Time, Zukunftsangst und Selbstzweifel, Fragen über Fragen. Was kommt jetzt? Was will ich eigentlich? Und sollte ich das alles nicht im Grunde längst wissen? Da qualmt der Kopf gewaltig und das ist ebenso nervenaufreibend wie schwachsinnig.

Mensch Lena, möchte ich rufen und mich selbst ordentlich rütteln, in der Hoffnung, dass da in meinem Oberstübchen mal wieder alles zurechtgerückt wird. Denn sollte das nicht eigentlich eine Zeit sein, die spannend ist und aufregend auch, eben einfach nur grandios? Schließlich, so sagt man mir die Phrasenkeule schwingend, stehen mir doch jetzt alle Türen offen. Aber genau das ist es, was mir eine Heidenangst einjagt. Angst vor der endgültigen Verabschiedung meines jugendlichen Ichs inklusive aller Vorzüge, die im (Berufs-)Alltag eines erwachsenen Menschen aller Wahrscheinlichkeit nach keinen Platz haben werden. Angst vor allzu großer Veränderung. Vor allem aber Angst vor falschen Entscheidungen.

Ein Angsthase allererster Güteklasse bin ich, keine Frage. Doch was tun dagegen? Getrieben von Panik zurück in die Sicherheit versprechenden Arme universitärer Einrichtungen zu fliehen, ist jedenfalls keine Option. Es gilt also, die Nerven zu behalten und einen klaren Kopf außerdem. Nachsicht mit mir selbst und Zuversicht für die Zukunft müssen dringend her. Ich übe mich demnach intensiv in positivem Denken und autogenem Training. Das wird schon werden. Wahrscheinlich.

Und neben Zukunftsplanung und Jobsuche will eben auch dem Müßiggang gefrönt werden, mit lieben Menschen, zu viel Schokoladeneis und Vino und ab und an einem ganzen Tag im Bett. Die aktuelle Freiheit muss schließlich ausgekostet werden, frühestens der Renteneintritt wird mir wohl wieder ein solches Maß selbiger bescheren können. Also auf, auf!

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